Der Wald

„Er musste erst mit dem Kopf gegen die Bäume rennen,
ehe er merkte, dass er auf dem Holzwege war.“
Wilhelm Busch (1832-1908)

Fast jeder hat es schon gehört, das eher lustige Wort Miriquidi, das aber so viel wie „Dunkelwald“ bedeuten soll und unser Gebirge vor der menschlichen Eroberung bedeckte bis auf die Moore und kleinflächige Offenlandbereiche an Flüssen und Bächen. Dunkel und undurchdringlich soll er gewesen sein, zumindest nach der Überlieferung. Aber wie so oft ist da einiges übertrieben. So dunkel wie manche unserer heutigen Fichtenstangenhölzer, in denen tatsächlich kein Lichtstrahl bis auf den Boden dringt, darf man ihn sich nicht vorstellen. Denn die natürliche Vegetation der Wälder im Erzgebirge ist nicht der reine Fichtenwald, der würde nur in einigen kühlen, regenreichen Bereichen in Kammnähe vorkommen, sondern Buchenmischwälder. Schöne Buchen aller Altersklassen, durchmischt mit Fichten und Tannen, aber auch Linden, Ahornen, Eichen, Ulmen, Eschen sowie Erlen an den Flüssen, ständen also bei uns herum, wenn es uns nicht gäbe. Wie das alles nun genau aussah, darüber kann man spekulieren, aber in einigen Waldbereichen (siehe Tipp) kann man sich ein ungefähres Bild davon machen, wie wunderschön und voll mit Leben unsere Wälder ganz früher waren.

01-Buchenmischwald

Unsere Vorfahren mussten das natürlich aus einem anderen Gesichtspunkt sehen. Für sie war der Wald kein Ort für Spaziergang und Erholung, sondern notwendig für den Lebensunterhalt. Außerdem brauchten sie Platz für ihre Städte und Dörfer und die sie umgebenden Wiesen, Weiden und Äcker. Also lichtete sich der Wald ab etwa dem 12. Jahrhundert allmählich. Im 16. Jahrhundert war dann die Besiedlung weitgehend abgeschlossen. Seinen historischen Tiefstand hatte der Waldanteil wahrscheinlich Anfang des 19. Jahrhunderts, heute liegt er bei etwa 60 Prozent (Aue-Schwarzenberg).

02-Fichtenforst

Die Zusammensetzung des Waldes war durch die unterschiedlichen Nutzungen allerdings starken Veränderungen unterworfen. In den ersten Jahrhunderten nach der Besiedlung durften ihn die Dorfbewohner noch weitgehend uneingeschränkt nutzen, er wurde beweidet, Holz wurde geschlagen, Beeren und Pilze gesammelt und die sogenannte niedere Jagd betrieben, die höhere Jagd blieb schon immer den Feudalherren vorbehalten. Aber vor allem der Bergbau und die damit einhergehenden Gewerbe fraßen den Wald förmlich auf. Diese rege Nutzung und die damit einhergehenden Schäden am Wald führten mehr und mehr zu Konflikten zwischen Dorf und Herrschaft und Schritt für Schritt wurden durch verschiedene Holzordnungen die Rechte der Dorfbewohner eingeschränkt beziehungsweise ganz verboten oder es musste dafür „gelöhnt“ werden. Als Relikt blieb am Ende noch das unentgeltliche sammeln von Beeren- und Pilzen, das ja auch heute noch betrieben werden darf.

Wie dieser stark genutzte Wald wirklich aussah, davon hat man genauso wenig eine klare Vorstellung wie vom vorausgehenden Urwald. Gemälde beispielsweise von herrschaftlichen Jagden in vergleichbaren Gegenden vermitteln eher den Eindruck einer parkähnlichen Landschaft. Im 19. Jahrhundert begann dann die sogenannte geregelte Forstwirtschaft, alles wurde neu vermessen und in Schläge aufgeteilt und die schnellwüchsige Fichte in Reih und Glied in den Wald gestellt. Der Wald wurde endgültig zum Holzacker und bekam mehr und mehr sein heutiges Aussehen.

Auch der in den letzten Jahrzehnten erfreulicherweise begonnene ökologische Waldumbau hat daran noch nicht viel ändern können, Waldbau ist eben ein zähes Geschäft. War es jedenfalls, denn seit einigen Jahren ist „Forstmeister Sturm“ vermehrt im Einsatz und degradiert die eigentlichen Förster zu seinen Vasallen, verantwortlich für die Drecksarbeit: das Aufräumen. Im Grunde macht er was er will und sein Arbeitseifer scheint zuzunehmen. Prognosen über den Wald der Zukunft sollte man also lieber nicht machen. Auf jeden Fall wird er anders aussehen als geplant.

Tipp:

Besonders schöne Beispiele für naturnahe Buchenmischwälder finden sich in den Naturschutzgebieten „Hartensteiner Wald“, „Conradswiese“ bei Lauter, „Am Riedert“ zwischen Eibenstock und Carlsfeld und „Bockautal“ zwischen Eibenstock und Wildenthal. Beachten Sie bitte, dass es sich um Naturschutzgebiete handelt, die nur auf den Wegen betreten werden dürfen. Auch bei Aue um den Gleesberg herum findet man wunderschöne Buchenmischwälder, bereichert durch eindrucksvolle, phantasieanregende Feldbildungen. Dort können Sie frei herumschweifen.  

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