Kleinstrukturen

„Das wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste,
einer Eidechse Rascheln, ein Hauch,
ein Husch, ein Augen-Blick –
wenig macht die Art des besten Glücks.“
Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Hecken, Feldgehölze, Baumalleen, Einzelbäume

Betrachtet man alte Postkarten und Fotos unserer Dörfer, so fällt die außerordentliche Armut an Bäumen und Sträuchern in der sie umgebenden Feldflur auf und zwar zu allen Zeiten. Das steht im krassen Gegensatz zu vielen anderen Mittelgebirgen in Deutschland wie beispielsweise der Rhön, wo der hohe Anteil verschiedener Gehölzstrukturen wie Hecken und Feldgehölze sofort ins Auge fällt. Was mag die Ursache dafür sein?

01Feldgehoelze

Zu vermuten ist ein Zusammenhang mit dem hohen Anteil ausgedehnter Waldflächen, der bei uns über die Zeit hinweg erhalten blieb. So konnten scheinbar alle mit dem Rohstoff Holz im Zusammenhang stehenden Bedürfnisse der Bevölkerung wie Brennholz, Bauholz, Holz für verschiedene Gerätschaften usw. im Wald befriedigt werden. Der Platz in der Feldflur stand somit rein für die Landwirtschaft zur Verfügung und wurde bis auf den letzten Quadratmeter ausgenutzt. Hinzu kam die für ein Mittelgebirge sehr hohe Bevölkerungsdichte und die daraus resultierende große Nahrungsmenge, die ja so gut es ging in der näheren Umgebung erzeugt sein wollte und wobei offensichtlich jeder Baum und jeder Strauch störte.

02-Birnenallee in NeustädtelEtwas anders sah es in den Dörfern selbst und an den Straßen und Wegen aus. Diese geben zu verschiedenen Zeiten durchaus verschiedene Bilder wieder, mal mit weniger, mal mit mehr Baum- oder Strauchbewuchs. Sicherlich haben hierbei auch bestimmte Not- und Kriegszeiten eine Rolle gespielt. Waren die Vorräte knapp oder aufgebraucht, ging es notgedrungen an die eisernen Reserven vor der Haustür. Auch obrigkeitliche Mandate und Verordnungen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein, die eigentlich auf die bessere Ernährung und Versorgung der Bevölkerung abzielten, wirkten sich oft einschneidend und sehr schnell auf das Dorf- und Landschaftsbild aus. Dies betraf insbesondere den Obstbau. Beispielsweise geht aus der Chronik von Beierfeld hervor, dass 1765 angeordnet wurde, dass jeder heiratende Bauernsmann vor der Hochzeit oder im ersten Jahre sechs Obstbäume anzupflanzen habe, worüber der Pfarrer Aufsicht zu halten und Bericht zu erstatten habe. Auch in späteren Zeiten gab es noch ähnliche Erlasse, in deren Folge eine Vielzahl an Obstgärten und Obstalleen entstanden, die zum Teil auch noch vorhanden sind.

Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten sich Obstbauvereine mit erstaunlichen Mitgliederzahlen und beeindruckenden Aktivitäten. Beispielsweise war der Obstbauverein zu Neustädtel 1861 in 27 Ortschaften vertreten und hatte 214 Mitglieder, wobei in diesem Jahr 2535 Obstbäume gepflanzt wurden.

Tipps:

- Dass unsere Dörfer und ihre Feldfluren heute gehölzreicher sind, lässt sich zum Beispiel an Zschorlau, Neustädtel oder auch Breitenbrunn erkennen. 

- Reste von alten Obstalleen sind nur noch vereinzelt zu finden, beispielsweise die alte Birnenallee am Ortsausgang von Neustädtel Richtung Zschorlau oder die Obstallee an der Schwarzenberger Straße, die in Dittersdorf an einem Bahnübergang in Richtung Bernsbach abbiegt.

- Der hinsichtlich des Obstbaus interessanteste Ort in der Region ist wohl Lößnitz-Affalter. Dort gibt es noch eine Vielzahl relativ gut erhaltener Streuobstwiesen und Obstgärten. Übrigens soll der Ortsname eventuell auf das mittelhochdeutsche Wort apfalter für Apfelbaum zurückgehen.

Trockenmauern, Lesesteinhaufen, Raine

Wie gerade beschrieben, war die frühere Feldflur ärmer an Gehölzstrukturen wie die heutige. Trotzdem war sie am Ende strukturreicher. Schon durch die vielen Landnutzer und die Kleinheit der Felder ergab sich eine Vielzahl von Grenzlinien, die sich vom eigentlichen Feld abhoben. Wiesen- und Ackerraine beispielsweise sind solche typischen Landschaftselemente, auf die man heute nur noch selten trifft.

01-Dorferlebnispfad Bockau

Bei Trockenmauern, Lesesteinwällen und Lesesteinhaufen sieht die Bilanz besser aus, in vielen Orten der Region sind sie noch reichhaltig vertreten und man kann sie zweifelsfrei als die häufigsten Zeugen aus den vergangenen Zeiten bezeichnen, schon deshalb, weil ihre Entfernung mit großem Aufwand verbunden wäre und sie weiterhin ihren Zweck erfüllen, denn Steine werden auch heute noch an die Oberfläche befördert. Manchmal muss man allerdings etwas genauer hinsehen, denn manche sind mittlerweile von Bäumen und Sträuchern überwuchert.

Solche Kleinstrukturen sind in allen Jahreszeiten eine Bereicherung des Landschaftsbildes und nicht zuletzt unersetzbar für viele unserer heimischen Tiere und Pflanzen, denen sie Lebensraum und Nahrungsmöglichkeiten bieten. Leider sind sie heute oft durch Überdüngung und den Einsatz von Spritzmitteln beeinträchtigt.

 Tipps:

- Aus der Vielzahl der Orte mit sehenswerten Trockenmauern sei hier der Ort Bockau hervorgehoben. Sowohl im Ort als auch in der Feldflur können die verschiedenen Verwendungszwecke und die daraus resultierenden Typen von Trockenmauern besichtigt werden. Auch entlang des Dorferlebnispfades kann man neben anderen dörflichen Lebensräumen vieles über Trockenmauern erfahren.

- In der Feldflur von Zschorlau in Richtung Gleesberg finden sich eindrucksvolle Beispiele dafür, wie Lesesteinhaufen und Lesesteinwälle sukzessive mit Gehölzen besiedelt werden.

02-Bewachsene Lesesteinhaufen in Zschorlau

Wege und Wegränder

Obwohl sich lange Zeit das Leben der meisten Menschen zum großen Teil in Sichtweite des Kirchturmes abspielte, waren die Dörfer zu keiner Zeit isoliert und völlig unabhängig. Wege spielten also immer eine wichtige Rolle. Schon vor der Besiedlung unserer Region gab es Handelswege wie die alten Salzstraßen, die von Halle nach Böhmen führten, beispielsweise den „Preßnitzer Steig“ nach Prag oder den „Frühbusser Steig“ nach Eger. Sie durchzogen die Landschaft ebenso wie später die Verbindungswege zwischen den Dörfern. Man versuchte möglichst auf den Höhenzügen das Ziel so direkt wie möglich zu erreichen. Täler und Niederungen mied man, wenn es ging, denn sie waren oft durch Sümpfe und Hochwasser schwer passierbar. Durch teils mehrere nebeneinanderliegende alte Hohlwege oder auch die am Wegrand vielfach angelegten Baumalleen sind Teile dieser alten Wege manchmal noch in der Landschaft zu erkennen.

Die meisten Wege waren natürlich nicht für Handel und Wandel gedacht, sondern stellten den Zugang zu den Feldern und Wäldern der anliegenden Bauern sicher.

Interessant sind auch die Furten, auf denen die Wege die Flüsse und Bäche überquerten zu Zeiten, als Brücken noch seltener waren. Hier und da kann man sie noch in der Landschaft finden. 

03-Hohlweg in Hartenstein

Die Schicksale all dieser Wege sind sehr unterschiedlich, viele wurden befestigt, manche zur anliegenden Wiese hinzugeschlagen oder umgepflügt und damit ganz aus der Landschaft eliminiert. Das hat Vorteile für die Landwirte und manche Tiere, die jetzt ungestörter ihre Kreise ziehen können. Andere hingegen, die naturnahe Wege und Wegränder als Lebens- und Nahrungsraum nutzen, sind eher wenig begeistert. Aber auch für Naherholung und Tourismus ist diese Entwicklung nicht wünschenswert, denn es sind immer die naturbelassenen, attraktiven Wege, die dahingehen.

Wer sich ein Bild über das Ausmaß dieser Entwicklung machen will, sollte einmal alte und neue Flur- oder Wanderkarten vergleichen. Und selbst heute noch kann es Ihnen passieren, dass Sie sich einem verlockend wirkenden Weg anvertrauen, schön rot eingezeichnet auf der aktuellsten Wanderkarte, der in einem Rapsfeld endet. Einige hatten aber auch Glück, kamen ohne gravierende Veränderungen davon und könnten Interessantes darüber erzählen, wer so alles den Fuß auf sie gesetzt hat im Laufe der Jahrhunderte.

Fast ebenso wichtig wie die Wege selbst waren die Wegränder und die mussten fast alle Federn lassen, sind vielfach, wenn überhaupt noch vorhanden, nur handtuchbreit, durch die umliegenden Felder aufgedüngt und durch Spritzmittel belastet. Von der bunten Vielfalt an Pflanzen und Tieren bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein ist wenig übrig geblieben. Und bis in diese Zeit waren sie auch ein gesuchtes Objekt der Begierde. Vor allem für solche Dorf- und Stadtbewohner, die sich Ziegen, Schafe oder Hasen hielten und wenig Land zur Verfügung hatten, stellten die Wegränder eine wichtige Futterquelle dar. Beispielsweise ging bis in die 30er Jahre in Eibenstock der Straßenwärter, der für Befahrbarkeit und Aussehen der Straßen und Wege einschließlich deren Rändern verantwortlich zeichnete, jedes Frühjahr zu den Anliegern und befragte diese, ob sie die Ränder wieder nutzen wollten, was in der Regel gerne in Anspruch genommen wurde. Heutzutage wird der üppig wachsendere Bewuchs der Straßen- oder Wegränder und alles was sich gerade dort aufhält mit Motorsensen, Rasenmähern oder schwerer Technik zu Brei zerschlagen. 

Tipp:

- Der Verlauf der alten Salzstraße „Preßnitzer Steig“ kann auf einer sehr empfehlenswerten Wanderung zwischen Hartenstein und Lößnitz noch recht gut nachvollzogen werden. Eindrucksvolle Beispiele von bis zu acht parallel verlaufenden Hohlwegen machen deutlich, wie mühselig der Warentransport früher war. In der Nähe des Hartensteiner Bades trifft man auf gigantische alte Eichen, auch als Hochzeitseichen bezeichnet, weil sie aus Anlass von Fürstenhochzeiten gepflanzt wurden, die letzte 1945. Sehr beeindruckend ist auch die mit zirka 180 Linden bestandene Lindenallee in Lößnitz, die vor über 200 Jahren für die Schönburgischen Landesherren als sehenswerte Zufahrtstraße angelegt wurde.  

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