Vom Kräuterwissen und Kräuterwesen

Alle Berge und Hügel,
alle Wiesen und Matten
sind natürliche Apotheken.“
Paracelsus (1493-1541)

Das Kräuterwesen

Bevor die Chemie ihren Siegeszug bei den Arzneimitteln antrat spielten Heilpflanzen eine enorm wichtige Rolle. Man setzte Wohl oder Übel auf die heilenden Kräfte der Natur in Form von Kräutern, Wildfrüchten oder anderen pflanzlichen Produkten. Schon Pfarrer Christian Lehmann aus Scheibenberg pries 1699 seine Heimat mit den Worten: „Es hat die gütige Natur so viele balsamische immergrünende Gewächse in diesem Gebirge nicht umsonst gepflanzt...“ Selbstverständlich gilt dies nicht nur für das Erzgebirge, auch in anderen Teilen dieser großen weiten Welt wachsen heilsame Gewächse aller Art und es ist wohl nicht anzunehmen, dass der liebe Gott bei seinen Pflanzarbeiten unser Gebirge besonders bevorzugt hat. Auch die Menschen anderer Gegenden beschäftigten sich von Anfang an mit der Heilwirkung von Pflanzen und das schon zu Zeiten, als im Erzgebirge noch die Wölfe und Bären herumstreiften und noch eine geraume Weile vergeblich auf die Ankunft des Menschen warten mussten.

05Und so brachten die ersten Siedler ihr Wissen über die Heilwirkung bestimmter Pflanzen sicherlich in die neue Heimat mit, wenn sie nicht gar neben Kind und Kegel bestimmte Pflanzen im Gepäck hatten, unmöglich ist das nicht. Jedenfalls wurde dieses Wissen gehegt und gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben und auch weiterentwickelt. Dabei stand am Anfang die Sammeltätigkeit und der Anbau im Garten im Vordergrund. Der feldmäßige Anbau kam erst später hinzu, als sich die Angelegenheit in Orten wie Bockau oder auch Eibenstock zum Gewerbe entwickelte und spezielle Rezepturen aus den Heilpflanzen und anderen Zutaten zusammengestellt wurden. Unter werbewirksame Namen wie „Universal-Lebensöl“ oder „Engel-Balsam“ betrieb man dann mit ihnen regen Handel bis in ferne Gegenden und verdiente sich damit seinen Lebensunterhalt. Inwieweit dieser feldmäßige Anbau auch damit zusammenhängt, dass mit der zunehmenden Sammeltätigkeit, bei der ja teilweise selbst die Wurzeln mit ausgegraben wurden, viele Kräuterarten in der Natur bedrohlich zurückgingen, muss offen bleiben. Es spricht einiges dafür.

Aber wo lagen eigentlich die Sammelplätze, wo fand man die als Heilkräuter geführten Arten. In der Literatur und in Gesprächen mit älteren Leuten werden dazu die Ränder der Moore, Wälder und Wege genannt, aber auch die weit verbreiteten mageren Wiesen und Weiden, die erheblich kräuterreicher waren als heute. Aber bei letzteren stellt sich schon die Frage, ob man dort auch im großen Maße sammeln durfte. Sicherlich waren viele der gesuchten Pflanzen dort zu finden, aber man stelle sich vor, es würden heutzutage Heerscharen von Menschen durch die Wiesen streifen und Pflanzen pflücken oder gar in der Erde herumwühlen? Welcher Bauer würde das hinnehmen oder sollten die Bauern von früher etwa sanftmütiger gewesen sein? Also wird man sich vermutlich schon mehr an den Rändern herumgetrieben haben. Aber sei es, wie es sei, vielleicht sammelte man auch im Dunkeln, jedenfalls bekam man einiges zusammen, bei dem so manches Botanikerherz von heute höher schlägt.

Zur Legende geworden für unsere Region ist wohl die Arnika, das erzgebirgische „Allheilmittel“, das in Schnaps angesetzt früher und teils auch heute noch in keinem ordentlichen Haushalt fehlen durfte. Diese hübsche Pflanze, die im 18. Jahrhundert in Bockau sogar großflächig angebaut worden sein soll, ist mittlerweile wegen ihrer Seltenheit unter Schutz gestellt und darf aus der Natur nicht mehr entnommen werden.

Johanneskraut

Aber keine Angst, es gibt noch eine Vielzahl durchaus häufiger Pflanzen mit heilsamer oder vorbeugender Wirkung, wie die Brennnessel, den Giersch, den Löwenzahn oder das Gänseblümchen, um deren Fortbestand man sich nicht zu sorgen braucht. Am Beispiel einer der unscheinbarsten unter unseren Pflanzen, nämlich dem Gänseblümchen, soll kurz angedeutet werden, welche reichen Schätze vor unserer Haustür zu finden sind und wie variantenreich sie genutzt werden können und früher auch genutzt wurden.

Tipp:

In den Kräutergärten an der Ergebirgischen Likörfabrik in Bockau oder an der Kräuterstube im Kurpark von Schlema kann man viele der im Erzgebirge gesammelten und angebauten Kräuter in Augenschein nehmen.

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