Waldweide

Und wenn die Kreatur von Wasser, Luft und Erde
Sich einst dem Paradiese naht am Jüngsten Tag,
Geht in der Mitte ruhig eine Rinderherde,
Wie sie’s zu aller Zeit auf Erden pflag.
Carl Zuckmayer (1896-1977)

Man kann es sich einfach nicht mehr vorstellen, welch wichtige Rolle die Waldweide für unsere Vorfahren von der Besiedlung bis zu deren Verbot in der Mitte des 19. Jahrhunderts gespielt hat. Dazu sei hier Eibenstock aufgeführt, wo man beispielsweise 1744 542 Stück Vieh einschließlich 106 Ziegen in den Wald trieb. Weidegebiete waren der Ellenbogen, die Wintergrün, die Heckleithe, der Mühlberg, der Krünitzberg und die Plentherleithe. Die Herden standen unter der Betreuung von 4 Hirten, wobei jedes Stadtviertel seinen eigenen Hirten hatte, der die Herde auf den Viehtriften alltäglich dem Walde zuführte. 1853 ertönten zum letzten Mal die Kuhglocken in den Wäldern. Bis dahin gab es über Jahrhunderte hin einen erbitterten Kampf zwischen den Forstbediensteten und der Gemeinde um die Fortsetzung des Weiderechtes. Noch Jahre danach trauerte man sicherlich mit Berechtigung diesem Privileg nach. Dazu eine Passage aus „Eibenstock und seine Umgebung“ von Findeisen aus dem Jahr 1905:

„...Die Herren von Tettau ... hatten der Gemeinde das Recht zugestanden, 622 Stück Vieh in den Wald zur Hutung treiben zu dürfen. ... Infolgedessen war es auch dem ärmsten Manne möglich, sich eine Kuh halten zu können und von ihr Milch und Butter für seinen Haushalt zu gewinnen. ... und mochte auch das Vieh hie und da durch das Niedertreten junger Baumpflanzen Schaden verursacht haben, so gilt doch heute noch der Ausspruch des Oberförsters Angermann: ‚Das Vieh ist der Gärtner des Waldes.’ Wo das Vieh trieb, da gediehen die Forsten besser, der Dünger kam auch den Waldbäumen zugute, das üppig wuchernde Waldgras, welches oft die jungen Pflanzen erstickt, fand seine richtige Bestimmung, und in letzterer Zeit hat sich ganz besonders gezeigt, dass seit Aufhören der Hutung der Borkenkäfer erst recht nebst anderen forstschädlichen Insekten überhand genommen hat, indem sonst durch Festtreten des Bodens durch das Vieh diese Insekten nicht so überhandnehmen konnten...“

01-Kuhgasse in Eibenstock

Bei den Forstleuten als Angestellte der Landesherren hörte sich das natürlich völlig anders an. Unter dem Motto „Wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing“ wurde von dieser Seite über die verheerenden Auswirkungen des Viehs auf den Wald geklagt, der Wald sei wie ausgekehrt, Unterwuchs kaum vorhanden, Waldverjüngung finde nicht mehr statt. Für die Landesfürsten spielte natürlich der Rohstoff Holz als Einnahmequelle und vor allem die Jagd die erste Geige und so war das Vieh der Bauern ein lästiger Konkurrent für die königlichen Hirsche und Rehe. Hinzu kam, dass der Rohstoff Holz durch die vielfältigen gewerblichen Nutzungen, die viel gravierendere und großflächigere Beeinträchtigungen des Waldes zur Folge hatten als die der Dorfbewohner, sehr knapp geworden war. Sei es, wie es sei, die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte und es gab sicher auch große örtliche Unterschiede, je nachdem, wie intensiv die Weide betrieben wurde.

03-Neunstämmige Buche in SchwarzenbergJedenfalls entwickeln die Wälder in Waldweidegebieten ein typisches Aussehen, die Wälder sind offener und lichter, fast parkähnlich. Leider sind bei uns solche Wälder nicht erhalten geblieben. Auch der einzelne Baum bildet einen Habitus aus, die vielen verwachsenen Teilstämme, an dem man ihm sein Leben lang ansieht, dass er in seiner Jugend vom Vieh häufig verbissen wurde. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind die erhaltenen Weidbuchen im Südschwarzwald, wo die Waldweide viel länger üblich war als bei uns. Rein theoretisch können solche Weidbuchen auch hier zu finden sein. Sie müssen dabei ein Alter von mindestens 160 Jahren haben.

Die enorme Bedeutung dieser heute weitgehend vergessenen Art der Landnutzung wird auch dadurch deutlich, dass sie in manchen Orten über 600 Jahre betrieben wurde.

Tipps:

- Viele der oben für Eibenstock aufgeführten Waldweidegebiete befinden sich nördlich der Stadt in Richtung Carlsfeld und sind durchaus einen Besuch wert, auch wenn von der ehemaligen Nutzungsform dort kaum noch Spuren zu finden sind. Geht man vom Marktplatz aus die Winklerstraße entlang, kommt man zum alten Triftweg, der von den Einheimischen auch als „Kiehgass“ bezeichnet wird. Zwar ist er schon etwas verwachsen, aber trotzdem vermittelt er uns ein recht anschauliches Bild über die zur damaligen Zeit weit verbreiteten Triftwege, die in anderen Orten auch als „Viechzig“ und in anderen Regionen als Weidgassen bezeichnet wurden. Er führt uns, wie ehemals das Vieh, direkt in die Waldweidegebiete von damals.

Am Dönitzgrundweg, etwas oberhalb der Abzweigung des Heckleithenweges, befindet sich der Buchenweg, an dem noch einige Prachtexemplare von Buchen zu finden sind, die angeblich 200 bis 250 Jahre alt sein sollen. Es spricht vieles dafür, dass sie die letzten Jahre der Waldweide noch miterlebt haben. Leider können sie uns nichts darüber mitteilen.

- Auch die Neunstämmige Buche, ein Naturdenkmal an der Schwarzenberg-Bockauer-Straße unweit des Schwarzenberger Stadtteils Heide, könnte ihre eigenwillige Gestalt dem Verbiss durch Vieh im Jugendstadium zu verdanken haben. Sie steht zwar auf freiem Feld, aber in unmittelbarer Nähe der früheren Weidegebiete Ratsförstel und Hohe Henne. Klar ist das aber nicht, es gibt verschiedene Theorien zur Entstehung der außergewöhnlichen Gestalt dieses Baumveteranen.

[Home] [Prolog] [Erläuterungen] [Westerzgebirge] [Der Wald] [Waldweide] [Holznutzung] [Beeren & Pilze] [Die Feldflur] [Die Gewässer] [Das Dorf] [Epilog] [Weitere Info's] [Ihr Beitrag] [Rechtliches]